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Konservative Behandlungsoptionen – Teil 1

Was Patienten vor einer Rückenoperation wissen sollten

Dr. Matthias Psczolla, Chefarzt und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Manuelle Medizin (DGMM)

Wir haben mit Dr. Matthias Psczolla über die steigende Zahl von Wirbelsäulenoperationen und die Bedeutung der Manuellen Medizin bei der Diagnose und Therapie chronischer Rückenschmerzen gesprochen. Dr. Psczolla ist Präsident der Deutschen Gesellschaft für Manuelle Medizin (DGMM) und u.a. Chefarzt für Orthopädie am Muskuloskeletalen Zentrum der Loreley Klinik in St. Goar-Oberwesel. Was Patienten vor einer Operation wegen Rückenschmerzen wissen sollten erfahren Sie nun hier in Teil 1 des Interviews. In Teil 2 erfahren Sie Interessantes rund um die Manuelle Medizin.

bomedus: Dr. Psczolla, herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen! Nach einer Anfrage der Linksfraktion hat sich laut Bundesregierung die Anzahl der Wirbelsäulenoperationen von 2005 bis 2011 von 326.962 auf 734.644 erhöht. Verschiedene Interessengruppen interpretieren diesen Anstieg sehr unterschiedlich. Wie sehen Sie diese Zahlen?

Dr. Psczolla: Wir beobachten seit einigen Jahren mit Sorge, dass zu viele Patienten operiert werden, noch bevor konservative Therapieoptionen, z.B. der Physio- oder Schmerztherapie ausgeschöpft wurden. Dies ist größtenteils dadurch bedingt, dass sich finanzielle Anreize durch Gesundheitspolitik und Industrie stark in Richtung operativer Methoden verschoben haben. Gleichzeitig nimmt die personelle und finanzielle Ausstattung konservativ-orthopädischer Einrichtungen ab. Zudem ist dieser Weg für junge Orthopäden versperrt, da die Weiterbildungsordnung keine spezielle konservative Ausbildung mehr vorsieht. Dies sind aus unserer Sicht erhebliche Mängel, die dazu führen, dass viele Patienten unnötig operiert werden.

bomedus: Was empfehlen Sie Patienten, denen eine Operation aufgrund von Rückenschmerzen vorgeschlagen wird?

Dr. Psczolla: Jede Operation birgt Risiken. Daher ist es ratsam, trotz Schmerzen zunächst einmal abzuwarten, da sehr viele Rückenschmerzen nach einiger Zeit von allein verschwinden. Wichtig ist dabei, dass es einige Befunde gibt, die eine Operation absolut erforderlich machen (sogenannte red flags). Dazu gehören etwa eine zunehmende Lähmung, Tumore, Knochenbrüche oder Infektionen im Wirbelsäulenbereich. Wird dem Patienten trotz fehlender red flags zu einer Wirbelsäulenoperation geraten, ist es sinnvoll, eine Zweitmeinung von einem nicht-operierenden Arzt einzuholen. Dieses Verfahren wird von einigen Krankenkassen bereits unterstützt. Grundsätzlich sollte der Patient vor einer Rückenoperation von einem interdisziplinären Team, z.B. aus Orthopäden, Unfallchirurgen, Neurologen, Psychologen und Physiotherapeuten untersucht werden. Auf keinen Fall sollte eine OP aufgrund von Röntgen oder MRT-Aufnahmen allein durchgeführt werden. Wenn alle anderen Mittel ausgeschöpft sind, ist die Operation eine gute Entscheidung.

bomedus: Wo sehen Sie die Nachteile und Risiken einer Wirbelsäulenoperation?

Dr. Psczolla: Neben den Risiken die jede Operation mit sich bringt, haben fast alle Wirbelsäulenoperation den Nachteil, dass sie die Funktion des gesamten Muskel-Skelett-Systems verschlechtern. Typischerweise werden etwa bei einem akuten Bandscheibenvorfall hervorgetretene Teile der Bandscheibe operativ entfernt (sogen. Nukleotomie). Die Bandscheiben sind jedoch ein essentielles Stabilitätselement der Wirbelsäule. Deshalb folgen nach einer Nukleotomie oft Probleme durch die Instabilität. Ebenso verändern etwa Versteifungsoperationen die Funktion der Wirbelsäule. Grundsätzlich muss nach einer Operation die Wirbelsäulenfunktionalität, angeleitet durch einen Manual- oder Physiotherapeuten, wieder hergestellt werden und der Patient muss, z.B. durch ein Rückencoaching, wieder selbst aktiv werden. Sonst drohen früher oder später erneut Probleme.

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