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Rückenoperationen in Deutschland

"Eine differenzierte Sicht ist notwendig"

Prof. Dr. Michael Mayer, Wirbelsäulenchirurg und Chefarzt in der Schön Klinik München Harlaching

Wir haben mit Prof. Dr. Michael Mayer u.a. darüber gesprochen, welche Bedeutung eine gute Diagnose bei einer bevorstehenden Wirbelsäulenoperation hat. Zudem erfahren Sie hier, warum die Zahlen über stark gestiegene Wirbelsäulenoperationen wahrscheinlich falsch sind. Professor Mayer ist Wirbelsäulenchirurg und Chefarzt in der Schön Klinik München Harlaching. Er hat sich sowohl auf Operationen bei Bandscheibenvorfällen und bei Wirbelkanalverengungen, als auch auf minimal-invasive Verfahren spezialisiert.

bomedus: Prof. Mayer, herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen. Sie sind Wirbelsäulenchirurg an einer großen Klinik in München und haben damit wahrscheinlich eine gute Sicht auf die Situation aller operationsbedürftigen Rückenschmerzen in Deutschland. Was ist bei Ihnen der häufigste Eingriff?

Prof. Mayer: Das hat sich in den vergangenen Jahren etwas gewandelt. Vor etwa 10 – 15 Jahren waren das hauptsächlich Operationen wegen eines akuten Bandscheibenvorfalls. Heute sind es neben diesen vorwiegend Operationen aufgrund einer Spinalkanalverengung (Spinalkanalstenose). Bei uns im Haus haben wir pro Jahr etwa 400 – 600 Patienten in jeder Kategorie.

bomedus: Da scheint sich ja ein gewisser Wandel abzuzeichnen. Sehen sie heute andere Befunde als früher?

Prof. Mayer: Ja, durch die gestiegene Lebenserwartung hat sich das Bild tatsächlich etwas gewandelt. So sind neben den bereits genannten Spinalkanalstenosen auch verstärkt Brüche an den Wirbelköpern durch Osteoporose zu beobachten. Hinzu  kommt, dass sich die Diagnosetechniken stark verbessert haben und wir so differenziertere Diagnosen stellen können die früher so nicht möglich waren.

bomedus: Auf welchem Weg kommen die Patienten denn zu Ihnen und was haben diese vorher bereits versucht?

Prof. Mayer: Wir sehen die Patienten so gut wie nie als Erste. Nur etwa 5% kommen über die Notfallambulanz und wurden noch nicht behandelt. In der Regel werden die Patienten vom Hausarzt, niedergelassenen Orthopäden oder anderen Kliniken an uns überwiesen. Meist ist dann schon viel konservative Therapie versucht. Bei uns durchlaufen die Patienten dann standardisierte Wege und werden eingehend untersucht. Die meisten unserer Eingriffe sind geplant, also sogenannte Elektiv-operationen.   

bomedus: Sie haben ja bereits auf die konservative Therapie hingewiesen. Worauf sollte ein Patient vor einer Operation noch achten?   

Prof. Mayer: Wichtig ist vor allem eine gute Aufklärung. Sowohl Patient, als auch Arzt müssen sich über Erwartungen und Risiken absolut klar sein. Dies sollte geschehen, ohne dass der Patient nachfragen muss. Wenn kein Vertrauensverhältnis entsteht, empfehle ich immer eine Zweit- oder auch Drittmeinung. Man sollte allerdings im Hinterkopf behalten, dass ein guter „Aufklärer“ nicht zwingend auch ein guter Operateur sein muss. Weiterhin sollte ein guter Arzt auch immer Alternativen vorschlagen und einen Dreiklang aus körperlicher Untersuchung, Bildgebung und ausführlichem Patientengespräch anwenden.

Vorsicht ist immer geboten, wenn ein Arzt absolute Schmerzfreiheit verspricht. Gerade bei Verschleißerkrankungen muss man bedenken, dass diese mit einer Operation nicht gestoppt werden. Die Wirbelsäule besitzt 24 Bewegungselemente und 24 Bandscheiben - oft folgen deswegen weitere verschleißbedingte Operationen. Die Situation ist somit etwas komplizierter als etwa bei den zwei Hüft- oder Kniegelenken.    

bomedus: Sie haben ja gerade die vielen Elemente der Wirbelsäule angesprochen. Bei den meisten Menschen ab 50 kann man im Röntgenbild oder mit anderen bildgebenden Verfahren mehrere Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule erkennen. Zudem hängen die Stärke einer solchen Auffälligkeit und die Stärke der Schmerzen nicht zusammen. Woran erkennt der Arzt also an welcher Stelle operiert werden muss? 

Prof. Mayer: Wie bereits erwähnt, ist ein Dreiklang aus ausführlichem Patientengespräch, körperlicher Untersuchung und Bildgebung notwendig um die Schmerzquelle eingrenzen zu können. Dieses Verfahren hat sich bei uns sehr gut bewährt. In manchen Fällen reicht dieses Vorgehen jedoch nicht aus. Dann wenden wir sogenannte diagnostische Injektionen an, bei denen unter Röntgenkontrolle kleine Mengen Schmerzmittel an einzelne Nerven der Wirbelsäule gebracht werden. Ist der Schmerz dann für zwei bis drei Stunden weg, wissen wir, dass dieser Nerv die Beschwerden verursacht. Anschließend operieren wir genau diese Stelle.

Das ist ein relativ aufwendiges Verfahren, aber letztlich lohnt sich der Aufwand für Patienten und Krankenkasse, da gezielt therapiert werden kann. So können wir ausschließen, dass an einer falschen Stelle operiert wird, ohne dass der Patient anschließend weniger Schmerzen hat. So stellen wir manchmal erstaunt fest, dass ein Patient mit einer völlig verschlissenen Wirbelsäule nach einer Injektion an die Nerven einer anderen Stelle, z.B. des Kreuzbein-Darmbein-Gelenks, schmerzfrei ist.

Früher hätte man diese Patienten wahrscheinlich über viele Segmente versteift und damit die Beschwerden tendenziell eher verstärkt. Meiner Ansicht nach gibt es so etwas wie „unspezifische“ Rückenschmerzen nicht – sie sind lediglich unvollständig diagnostiziert.

bomedus: Häufig wird berichtet, dass die Zahl der Wirbelsäulenoperationen, insbesondere der sogenannten Versteifungsoperationen, in Deutschland stark zugenommen hat. Sehen sie diesen Trend auch an Ihrer Klinik?

Prof. Mayer: Das sehe ich bei uns nicht und ich kenne auch kein anderes Wirbelsäulenzentrum in Deutschland, bei dem die in der Presse genannten enormen Steigerungen zu erkennen sind. Tatsächlich sind meiner Ansicht nach die reinen Versteifungsoperationen in Deutschland eher rückläufig, da man heute in Richtung einer Bewegungserhaltung therapiert. Hier werden etwa künstliche Bandscheiben oder andere nicht-versteifende Methoden angewendet. Ich denke, dass es sich bei den genannten Zahlen eher um ein Kodierungsartefakt bei der Abrechnung handelt. So werden zahlreiche verschiedene, u.a. nicht-operative Verfahren unter der gleichen Ziffer bei der Krankenkasse abgerechnet. Auf diese Weise erhöhen beispielsweise konservative Orthopäden mit Wirbelkanalinjektionen die Zahlen enorm. Ebenso werden zwischen die Wirbel eingebrachte Abstandshalter, sogenannte Spacer, als Versteifungsoperation kodiert, obwohl dieser Eingriff mit einer Versteifung wenig zu tun hat. Letztendlich werden dann alle Behandlungen zusammen als steigende Operationszahl interpretiert. Das sollte von Presse und Kostenträgern differenzierter betrachtet werden!   

bomedus: Vielen Dank Prof. Mayer für Ihre Zeit und Ihre ausführlichen Antworten!

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