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Bertelsmann Studie: Rückenoperationen in Deutschland – ein Vergleich in Zahlen

Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass Rückenschmerzen in Deutschland regional sehr unterschiedlich behandelt werden – in einigen Regionen finden bis zu 13 Mal häufiger Operationen statt.

Gliederung

  1. Einführung – Die neue Studie der Bertelsmann Stiftung
  2. Mehr Rückenoperationen mit starken regionalen Unterschieden
  3. Deutliche Zunahme der Krankenhausaufenthalte seit 2007
  4. Die einzelnen Bundesländer im Vergleich
  5. Multimodale Behandlung ist ein Grund für mehr Krankenhausaufenthalte
  6. Zusammenfassung: Kurz & knapp
  7. Quellen und weiterführende Links

Wenn Sie wenig Zeit haben und schnell eine Zusammenfassung der wichtigsten Fakten aus diesem Artikel lesen möchten, dann bitte gehen Sie direkt an das Ende des Textes.

Einführung – Die neue Studie der Bertelsmann Stiftung

Rückenschmerzen gelten in Deutschland nicht umsonst als Volksleiden bzw. Volkskrankheit: Keine andere Erkrankung bringt es auf so viele Arztbesuche (in diesem Artikel hier lesen Sie zu welchem Arzt Sie bei Rückenschmerzen gehen sollten) und Krankheitstage wie Rückenbeschwerden. Eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem Juni 2017 hat jedoch herausgefunden, dass im deutschlandweiten Vergleich nicht jeder Rückenschmerzpatient gleich behandelt wird. Regionale Unterschiede zeigen auf, dass Patienten mit Rückenschmerzen in einigen Teilen des Landes eher konservativ und ambulant behandelt werden, in anderen Regionen dagegen ins Krankenhaus kommen oder sogar operiert werden.

 

In diesem TV-Interview geht Dr. Tobias Weigl auf Fragen rund um die Volkskrankheit Rückenschmerzen ein. Dazu nennt er wichtige Fakten und Zahlen und auch die typischen Symptome und Therapiemöglichkeiten. Schauen Sie sich gerne dieses Video passend zu diesem Artikel an.

Die Therapie, die bei Rückenschmerzen angewendet wird, hängt also nicht alleine von der Expertise der Mediziner und der Diagnose ab, sondern vom Wohnort. In vielen Teilen Deutschlands werden Rückenschmerzpatienten in ein Krankenhaus überwiesen, obwohl die Behandlung sich dort nicht deutlich von einer ambulanten Therapie unterscheidet. Und vor allem die Zahl der Operationen, die bei Bandscheibenvorfällen, zur Versteifung oder zur Dekompression vorgenommen werden, weist starke regionale Unterschiede auf: Bis zu 13 Mal häufiger wird in einigen Regionen operiert als in anderen.

In diesem Video erklärt Ihnen Dr. Tobias Weigl die Therapiemöglichkeiten bei Verdacht auf einen Bandscheibenvorfall. Elementar dabei ist die Unterscheidung zwischen einem akuten Bandscheibenvorfall und chronischen Beschwerden aufgrund eines Bandscheibenvorfalls.

Mehr Rückenoperationen mit starken regionalen Unterschieden

Obwohl eine Rückenoperation bei vielen Rückenerkrankungen nicht notwendig ist, hat die Zahl der Rücken-OPs, die pro Jahr durchgeführt werden, im gesamtdeutschen Durchschnitt in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Um ganze 71 % stieg die Zahl der Rückenoperationen im Zeitraum von 2007 bis 2015: Waren es 2007 noch 452.000 Rücken-OPs, wurden 2015 schon 772.000 Operationen vorgenommen, obwohl sich viele Rückenbeschwerden auch und zum Teil sogar zielführender durch eine konservative oder multimodale Schmerztherapie behandeln lassen.
Doch nicht nur die Gesamtheit der Rücken-OPs hat deutlich zugenommen: Im Rahmen der Bertelsmann-Studie hat sich gezeigt, dass zudem extreme Unterschiede zwischen einzelnen Regionen im deutschen Raum bestehen. Während in einigen Städten und Landkreisen nur selten eine Bandscheiben-, Versteifungs- oder Dekompressions-OP vorgenommen wird, gibt es einige Regionen, die 6- bis 13-mal häufiger operieren als andere; so wurden bei Bandscheiben-OPs bis zu 6-fache und bei Versteifungs- und Dekompressions-OPs 13-fache Unterschiede ermittelt.

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Auffällig ist, dass die Städte und Kreise, in denen am häufigsten operiert wird, ein zusammenhängendes Gebiet bilden: In Nord- und Osthessen sowie in Westthüringen bilden die Stadt Fulda, der Kreis Hersfeld-Rotenburg, der Vogelbergkreis sowie der Unstrut-Heinrich-Kreis eine Art Hochburg, wo die Zahl der Operationen in den letzten Jahren überdurchschnittlich stark zunahm.

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Deutliche Zunahme der Krankenhausaufenthalte seit 2007

Die Studie der Bertelsmann Stiftung, die die neuen Zahlen bereitstellt, untersucht Krankenhausaufenthalte aufgrund von Rückenschmerzen im Zeitraum von 2007 bis 2015. Dabei wird deutlich, dass die Zahl der Krankenhausaufnahmen in diesem Bereich überdurchschnittlich stark angestiegen ist, und zwar um 34 % (zum Vergleich: die „normale“ Steigerungsrate liegt bei rund 12 %).

Die Zahl der Überweisungen ins Krankenhaus, wenn vom Hausarzt oder Orthopäden die Diagnose Rückenschmerzen gestellt wurde, stieg um mehr als 70 %: Im untersuchten Zeitraum nahmen die Aufnahmen um 73 % von 116.000 auf 200.000 zu. Und auch hier gibt es regionale Unterschiede – von 100.000 Patienten werden in einigen Regionen weniger als 100 ins Krankenhaus überwiesen, in anderen Regionen sind es rund 900, obwohl die Behandlung sich in ihren Grundzügen nicht von der ambulanten Therapie unterscheidet.
Auch die Zahl von Krankenhausaufenthalten wegen unspezifischer Rückenschmerzen hat sich demnach in den vergangenen Jahren deutlich erhöht – führten zuvor in erster Linie spezifische Diagnosen zu einer Behandlung im Krankenhaus, sind es zunehmend nun die unspezifischen Rückenbeschwerden. Mögliche Gründe für die häufigere Überweisung ins Krankenhaus könnten der medizinisch-technische Fortschritt sowie die Verbesserung der Versorgung von Schmerzpatienten im Krankenhaus – doch darüber hinaus scheint die Zunahme stark von den Präferenzen der behandelnden Ärzte in den einzelnen Regionen abhängig zu sein, so die Studie.
Auszumachen ist im Vergleich der Zahlen aus den einzelnen Jahren auch, dass der Anstieg der Krankenhausaufenthalte und Operationen nicht gleichmäßig angestiegen ist. Zwischen 2007 und 2011 war demnach ein starkes Wachstum sowohl von Krankenhausaufenthalten bei Diagnosen, die keine Operation erfordern, als auch bei Diagnosen, die eine Rücken-OP notwendig machen können, zu verzeichnen. Nach 2011 bis 2015 verlief die Wachstumskurve langsamer, wobei jedoch hauptsächlich solche Fälle von Rückenschmerzen zu einem Krankenhausaufenthalt führten, die nur in seltensten Fällen eine Rückenoperation erfordern. Nachdem im Jahr 2014 ein Höchstwert der zusätzlichen Krankenhausaufenthalte erreicht wurde (Steigerung um 17.000 Fälle gegenüber dem Vorjahr), konnte 2015 ein leichter Rückgang beobachtet werden – ob es sich dabei um eine Trendwende handelt oder nur um ein vorübergehendes Phänomen, muss allerdings eine Folgestudie zeigen.

Die einzelnen Bundesländer im Vergleich

Besonders interessant sind die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie im Hinblick auf den Ländervergleich. Es ist nämlich keineswegs so, dass die Zahl von Rückenoperationen und Krankenhausaufenthalten im gesamten Bundesgebiet gleichmäßig verteilt angestiegen ist. Vielmehr haben sich einige Regionen als wahre Operations-Hochburgen herausgestellt, während in anderen Teilen Deutschlands weitgehend auf Überweisungen in Krankenhaus verzichtet wird, insbesondere wenn die Diagnose unspezifische Rückenschmerzen lautet. Weil bei unspezifischen Rückenbeschwerden auch in Krankenhäusern vorrangig diagnostische Untersuchungen vorgenommen werden, die auch ambulant erfolgen könnten, stellt die Studie die berechtigte Frage, welche Gründe für die zum Teil markanten regionalen Unterschiede verantwortlich sind.
Im Vergleich der Bundesländer stechen vor allem vier Regionen deutlich hervor: In Westfalen-Lippe, Nordhessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ist eine Zahl von Krankenhausaufenthalten und Operationen zu beobachten, die deutlich über dem gesamtdeutschen Durchschnitt liegt. Bundesländer, in denen die Inanspruchnahme von Krankenhausaufenthalten weitgehend gleichgeblieben oder sogar zurückgegangen ist, sind die Stadtstaaten sowie Mecklenburg-Vorpommern, Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg, gefolgt von größeren Regionen in Niedersachsen. Hier ist gegenüber den Bundesländern mit deutlich gestiegenen Zahlen eine gegenläufige Entwicklung zu beobachten. Insgesamt werden mehr Krankenhausbehandlungen in ländlichen Regionen als in Städten und Ballungszentren in Anspruch genommen.

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Multimodale Behandlung ist ein Grund für mehr Krankenhausaufenthalte

Auf der Suche nach Gründen für die starke Zunahme der Krankenhausaufenthalte bei Rückenschmerzen hat die Studie einen Blick auf die Diagnoseverfahren und Therapiemethoden geworfen, die in den betroffenen Bundesländern, Kreisen und Städten zum Einsatz kommen. Während Operationen am Rücken vergleichsweise selten eingesetzt werden (obwohl auch deren Zahl in der Betrachtung der Jahre 2007 bis 2015 deutlich gestiegen ist), ist ein Anstieg vor allem der multimodalen Schmerztherapie sowie der interventionellen Schmerztherapie zu beobachten. Weil aber multimodale Therapien, die auch von niedergelassenen Ärzten mehr und mehr praktiziert werden, nicht flächendeckend in den Krankenhäusern angeboten werden, scheint es hier zu einer regionalen Diskrepanz zu kommen.

Zusammenfassung: Kurz & knapp

Rückenschmerzen sind Volksleiden Nr. 1 in Deutschland. Doch bei der Behandlung dieser Krankheit gibt es enorme regionale Unterschiede. Ferner haben sich die Anzahl der Krankenhausaufenthalte von 2007 auf 2015 um mehr als 70% erhöht. Ursachen dafür sind unklar bzw. können lediglich erahnt werden. Eine medizinische Rationale scheint es aber nicht unbedingt immer geben zu müssen.

Quellen und weiterführende Links

 

Zich; Tisch: Faktencheck Rücken. Rückenschmerzbedingte Krankenhausaufenthalte und operative Eingriffe – Mengenentwicklung und regionale Unterschiede, 2017

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