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Wirbelgleiten (Spondylolisthesis): Ursachen, Symptome und Therapie

Einführung - Was ist Wirbelgleiten

Synonym bzw. medizinischer Fachbegriff: Spondylolisthesis

Das Wirbelgleiten ist eine erworbene Erkrankung, bei der durch einen Spalt in den Wirbelbögen (sog. Spondylolyse) der Wirbelkörper mitsamt der Wirbelsäule nach vorne oder selten auch nach hinten gleitet. Ursächlich sind neben genetischen Faktoren eine chronische Belastung junger Menschen im Hohlkreuz wie beispielsweise Delfinschwimmen. Reklinierende Körperbewegungen wie Geräteturnen, Ballett Delfinschwimmen, Speerwerfen o.ä. verursachen einen Spalt in den Wirbelbögen, weswegen bei diesen Sportarten die Entstehungsgefahr mehrfach erhöht ist. Wichtig ist, dass eine Spondylolyse niemals bei Geburt beobachtet wird, sondern erst im Verlauf entsteht.

Zwar sind vom Wirbelgleiten ca. 6% der deutschen Bevölkerung betroffen, jedoch bleiben diese meist beschwerdefrei. Die Mehrheit, knapp 80% der Betroffenen, haben die Verletzung auf Höhe des 5. Lendenwirbels; ca. 15% auf Höhe des 4. Lendenwirbels. In den meisten Fällen handelt es sich um eine beidseitige Verletzung.

Ein symptomatisches Wirbelgleiten manifestiert sich durch belastungsabhängige Rückenschmerzen in der hauptsächlich involvierten Lendenwirbelsäule mit Ausstrahlung in Gesäß und Oberschenkel. Aufgrund der geänderten Biomechanik (die Wirbelkörper liegen ja nicht normal aufeinander, sondern versetzt), erfolgt ein asymmetrisches Wachstum der Wirbelkörper (v.a. der Grund- und Deckplatten). Je jünger das Kind beim Eintreten der Spondylolyse ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein hochgradiges Wirbelgleiten entwickelt. Eine Linderung bei ständigen Rückenschmerzen durch Wirbelgleiten kann das neuartige Elektrotherapie Verfahren SFMS® bewirken.

In diesem Beitrag auf dem YouTube Kanal Video-Visite erklärt Ihnen Dr. Tobias Weigl Alles rund um das Thema Wirbelgleiten. Einfach und verständlich die wichtigsten Fakten in einem Video.

Die Diagnose gelingt durch radiologische Bildgebung, wobei die Spondylolyse am besten im 45-Grad-Schrägbild dargestellt wird. Das Ausmaß der Wirbelkörperverschiebung wird in vier Stufen nach Meyerding klassifiziert. Bei Fortschreiten des Wirbelgleitens kann der Wirbelkörper nach vorne abkippen (sog. Spondyloptose > im Röntgenbild erkennt man dann den sog. umgekehrten Napoleonshut).
In der Regel sind physiotherapeutische Behandlung und Verlaufskontrollen ausreichend. Bei Kindern mit höhergradigen Spondylolisthesen (meist haben diese dann eine sog. Kuppelform des Steißbeines) wird eine Reposition mit gleichzeitiger Stabilisierung angestrebt. Beim Erwachsenen sind die schmerzhafte Instabilität sowie das Auftreten von neurologischen Ausfallserscheinungen maßgebend für eine Operation.

Epidemiologie - Wie oft ist Wirbelgleiten?

  • Häufige Erkrankung (6% der westlichen Bevölkerung)
  • 80% auf Höhe von Lendenwirbel L5, 15% auf Höhe L4
  • Geschlecht: ♀>♂
  • Alter: Häufigkeitsgipfel 12.-17. Lebensjahr, also v.a. jüngere Kinder, die sich noch im Wachstum befinden.

Ursachen von Wirbelgleiten

Ursachen für Wirbelgleiten bzw. das Auftreten eines Gleitwirbels sind meist eine Kombination aus genetischen und mechanischen Faktoren. Eine chronische Überbelastung aufgrund eines Holhkreuzes ist typischerweise ursächlich für das Auftreten von Wirbelgleiten. Daher sind besonders häufig Kinder im Wachstumsalter (zw. 12.-17. Lebensjahr) betroffen. Aber auch (Leistungs-)Sportler in den Sportarten Turnen, Ringen, Ballett, Delfinschwimmen, Speerwurf. Auch Patienten, die ursprünglich einen sog. Morbus Scheuermann haben, haben ein erhöhtes Risiko für das Entwickeln eines Gleitwirbels, da die betroffenen Patienten aufgrund des Morbus Scheuermann kompensatorisch ein verstärktes Hohlkreuz bilden.

  • Starke körperliche Beanspruchung in Hyperlordose (im Hohlkreuz) in der Kindheit

    • Geräteturnen
    • Delphinschwimmen
    • Speerwerfen
    • Gewichtheben

    • Traumatisch

    Klassifikation/ Definitionen - Welche Arten von Wirbelgleiten gibt es?

    Spondylolyse: Unterbrechung zwischen dem oberen und unteren Processus articularis des Wirbelbogens
    Spondylolisthesis: Wirbelkörper gleitet nach vorne durch Spondylolyse oder als Folge degenerativer Veränderungen ohne Spondylolyse; Einteilung radiologisch nach Meyerding

    Spondyloptose: Komplikation der Spondylolisthesis mit vollständigem Abkippen eines Wirbelkörpers

    Pseudospondylolisthesis: Verschiebung der Wirbelkörper nach vorne, jedoch ohne Spaltbildungen in den Interartikularportionen (= ohne Spondylolyse)

    Grad

    Befund

    Meyerding I + II     Stabiles Gleiten
    Meyerding III     Schnell zunehmendes Abgleiten, instabil
    Meyerding IV     Komplettes Abgleiten nach vorne (sog. Spondyloptose)

    Symptome beim Patienten - Woran erkennt man eine Spondylolisthesis?

    Glücklicherweise entwickeln die meisten Patienten mit einem Wirbelgleiten keine Symptome, d.h. keine Schmerzen oder andere Probleme. Nur ein geringer Teil entwickelt Rückenschmerzen, meist im unteren Rücken und ggfs. auch Probleme mit der Gesäß- und Oberschenkelmuskulatur. Denn beim Wirbelgleiten verschiebt sich der Körperschwerpunkt oft nach vorne und kompensatorisch schiebt der Patient häufig sein Becken nach hinten. Dadurch kann es zu einer Überbelastung der Gesäßmuskulatur und der rückseitigen Oberschenkelmuskulatur kommen.

    • Asymptomatisch (ca. 90%)
    • Unspezifische Kreuzschmerzen bei Belastung
      • mit pseudoradikulärer Ausstrahlung in Gesäß und v.a. Oberschenkelmuskulatur
    • Schmerzen bei Reklination, d.h. „zurückbeugen“ des Rückens
    • Radikuläre Schmerzen sind eher selten
    • Bei ausgeprägtem Befund lässt sich eine deutliche Hohlkreuzbildung erkennen und tasten/ fühlen (sog. Sprungschanzenphänomen).

    Diagnostik - Was macht der Arzt bei Verdacht auf ein Wirbelgleiten?

    • Hauptlokalisation:

      • Lendenwirbelsäule: In >90% der Fälle LWK 5 oder 4 betroffen  

    • Klinik

      • Sprungschanzenphänomen  
      • Hüftlendenstrecksteife  

        • Durch Verkrampfung der ischiokruralen Muskulatur bei Irritation von L5

      • Der Arzt kann das sog. Lasègue-Zeichen durchführen, in diesem Fall bleiben Rumpf und Hüfte reflektorisch gestreckt.
      • Schiebegang: Bei Hüftlendenstrecksteife kann das Bein in der Schwungphase nicht gebeugt werden, sodass der Patient das gesamte Becken nach vorne schiebt

    • Konventionelles Röntgen

      • Meist Zufallsbefund
      • Spondylolyse: 45° Schrägaufnahme mit sog. Hündchenfigur. Dabei sieht man die Bruchlinie des Wirbelbogens als Halsband der Hündchenfigur.
      • Spondylolisthesis: Seitliche Aufnahme mit Einteilung des nach ventral gleitenden Wirbel gegenüber dem kaudalen Wirbel in vier Schweregrade (nach Meyerding)
      • Spondyloptose: anterior-posterior Aufnahme mit Bild des umgekehrten Napoleonhuts

    Differentialdiagnosen - Was kann es noch sein?

    Hinweis für ein Wirbelgleiten gibt meist ein tief sitzender Rückenschmerz (sog. tieflumbale Rückenschmerzen), der bei einem nach hinten beugen (sog. Reklination) zunimmt und beim nach vorne beugen abnimmt. Die Verbesserung beim nach vorne beugen (sog. Inklination) ist dadurch zu erklären, dass durch die Vorbeugung der Rückenmarkkanal erweitert wird und dadurch auch häufig die Schmerzausstrahlung im Bein nachlässt.

    Bei Verdacht auf Wirbelgleiten muss man häufig die Klassiker Bandscheibenvorfall und Spinalkanalstenose ausschließen.
    Bandscheibenvorfall: Bei einem Bandscheibenvorfall handelt es sich meistens um ein akutes Ereignis. Die Schmerzen treten meist plötzlich und blitzartig auf, ggfs. kommt es zu Schmerzausstrahlungen in die Beine oder Arme.
    Spinalkanalstenose: Unter einer Spinalkanalstenose versteht man eine Einengung des Rückenmarkkanals durch knöcherne Strukturen oder Weichteilgewebe. Auch hier ist ein tief sitzender Rückenschmerz typisch. Auch bei einer Spinalkanalstenose empfinden die Patienten ein nach hinten beugen als Schmerz verstärkend und ein nach vorne beugen als Schmerz reduzierend - wie beim Gleitwirbel. Aber im Unterschied zum Gleitwirbel kommt es bei der Spinalkanalstenose häufig auch zu einer deutlichen Reduzierung der Gehstrecke. Außerdem sind die Patienten mit einer Spinalkanalstenose häufig viel älter (in der Regel 65+) als Patienten mit einem Wirbelgleiten.
    Andere vom Wirbelgleiten abzugrenzende Erkrankungen bzw. sog. Differentialdiagnosen sind:

    • Degeneratives Wirbelgleiten (Synonym: Pseudospondylolisthesis)

      • Definition: Verschiebung von Wirbelkörpern nach vorne ohne Spaltbildungen in den Interartikularportionen (= ohne Spondylolyse), sondern durch Bandscheibendestruktion und Lockerung der Zwischenwirbelgelenke  
      • Wirbelgleiten mit Meyerding Grad 2
      • Epidemiologie: Beginn in der Regel erst ab dem 50.-60. Lebensjahr
      • Klinik

        • Oftmals asymptomatisch ("kompensiertes Wirbelgleiten")
        • Ggf. mehrsegmentale radikuläre Kompressionssyndrome, Claudicatio spinalis

    • Degeneratives Drehgleiten

      • Definition: Rotatorische Instabilität eines Wirbelkörpers  
      • Diagnostik: Radiologisch in Anterior-Posterior-Aufnahme zu beurteilen

    • Facettensyndrom

      • Definition: Reizung der kleinen Wirbelgelenke (Facettengelenke) meist als Folge einer Arthrose dieser Gelenke (Spondylarthrose)
      • Therapie

        • Medikamentöse Schmerztherapie
        • Vorübergehendes Tragen eines Mieders zur Entlastung der Wirbelsäule
        • Intraartikuläre oder periartikuläre Applikationen eines Lokalanästhetikums meist in Kombination mit einem Glukokortikoid (bspw. Triamcinolon)  
        • Elektrotherapie  
        • Krankengymnastische Übungsbehandlung der Rumpfmuskulatur

    Therapie bei Wirbelgleiten bzw. Spondylolisthesis

    Die meisten Patienten müssen nicht behandelt werden. Falls doch, dann v.a. konservativ (meist im Stadium Meyerding I und II) und in Form einer ganzheitlichen Therapie. Prinzipiell orientiert sich die Therapieentscheidung an der klinischen Symptomatik also an den Beschwerden des Patienten und nicht anhand von Röntgenbildern oder Ähnlichem. Bestehn konservativ nicht zu beherrschende Beschwerden mit sog. neurologischen Ausfallserscheinungen (typischerweise Lähmungserscheinungen in den Beinen), so besteht ein Grund zur operativen Versorgung des Patienten. In einer OP wird dann typischerweise eine sog. Spondylodese mit Reposition ("zurückschieben") des Gleitwirbels durchgeführt.

    • Konservative, ganzheitliche Therapie

      • Rückenschule und Physiotherapie mit Stärkung der Rückenmuskulatur
      • Sportarten, die Wirbelgleiten begünstigen, meiden (Geräteturnen, Delfinschwimmen, Speerwerfen etc.)
      • Schmerzmedikamente
      • Physikalische Therapie, z.B. Elektrotherapie (Small Fiber Matrix Stimulation SFMS® )
      • Verlaufsbeobachtung  

    • Gelegentlich kann auch eine orthopädietechnische Versorgung notwendig sein
    • Operativ

      • Es wird eine sog. Spondylodese = Versteifung durchgeführt
      • Indikation

        • Neurologische Ausfallerscheinungen
        • Meyerding III und IV

    Referenzen und weiterführende Literatur

    Niethard et al.: Orthopädie und Unfallchirurgie, 6. Auflage, 2009

    AllEx: Kompendium für die 2. ÄP, Band B, 2012

    Amboss: Top-Themen zum Hammerexamen, 2. Auflage, 2014

    www.neuros.net

    www.kreuzschmerzen.org

    www.bomedus.com/service/schmerzglossar/

    Haben Sie Fragen? Hotline 0800 2663387 Mo—Fr 8:00—20:00 Uhr, Sa 8:00—14:00 Uhr, kostenlos aus dem dt. Festnetz